KirchturmGrE250Wir wollten es wissen: Gibt es Fledermäuse in unseren Kirchtürmen? Könnten Turmfalken, Eulen und Käuzchen dort einfliegen? So brach Ende Mai eine mutige Truppe zusammen mit Pastor Misler zu einer Erkundungstour auf und kletterte unerschrocken bis in alle Turmspitzen! Frau Sist wies uns im Vorfeld noch auf morsche Leitern hin, aber das konnte uns nicht schrecken.

Wir starteten in Knutbühren, danach kletterten wir in den Hetjershäuser Kirchturm und zuletzt stiegen wir in Groß Ellershausen bis in die Kirchturmspitze. Wir fanden Erstaunliches: Neben jeder Menge Staub und Spinnweben gab es Tierknochen, Fledermauskot, Vogelfedern und verlassene Nistplätze sowie Antiquitäten in Form historischer Staubsauger oder weggestellter Bilder.

Studie: Behavior of bats at wind turbines

Verfasser: Paul. M. Cryana,  P. Marcos Gorresenb,  Cris D. Heinc,  Michael R. Schirmacherc, Robert H. Diehld,  Manuela M. Husoe,  David T. S. Haymanf,g,  Paul D. Frickerh, Frank J. Bonaccorsoi,  Douglas H. Johnsonj,  Kevin Heistk, and  David C. Daltonl 

veröffentlicht 2014 in: Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America.

PNAS is one of the world's most-cited and comprehensive multidisciplinary scientific journals, publishing more than 3,800 research papers annually. Established in 1914, PNAS publishes cutting-edge research, science news, Commentaries, Reviews, Perspectives, Colloquium Papers, and actions of the National Academy of Sciences.

Download: http://www.pnas.org/content/111/42/15126

“Significance: Bats are dying in unprecedented numbers at wind turbines, but causes of their susceptibility are unknown. Fatalities peak during low-wind conditions in late summer and autumn and primarily involve species that evolved to roost in trees. Common behaviors of “tree bats” might put them at risk, yet the difficulty of observing high-flying nocturnal animals has limited our understanding of their behaviors around tall structures. We used thermal surveillance cameras for, to our knowledge, the first time to observe behaviors of bats at experimentally manipulated wind turbines over several months. We discovered previously undescribed patterns in the ways bats approach and interact with turbines, suggesting behaviors that evolved at tall trees might be the reason why many bats die at wind turbines.”

Deutsche Übersetzung: Bedeutung der Studie: Fledermäuse sterben in unerhörtem Ausmaß an Windkraftanlagen, aber die Ursachen für Ihre Anfälligkeit sind unbekannt… Wir benutzten thermische Überwachungskameras, um, nach unserem Kenntnisstand zum ersten Mal, an experimentell beeinflussbaren Windkraftanlagen während mehrerer Monate zu beobachten….Wir entdeckten vorher noch nie beschriebene Muster in denen Fledermäuse sich Windkraftanlagen nähern und mit diesen in Interaktion treten, was darauf hindeutet, dass es sich um Verhaltensmuster handelt, die sich im Zusammenhang mit großen Bäumen entwickelten und das dies der Grund dafür ist, warum viele Fledermäuse an Windkraftanlagen sterben.

“Resource-based hypotheses of attraction include bats seeking shelter, social opportunities, or food at turbines (3, 8, 9, 13), all of which may occur more often on the leeward sides of tall, tree-like structures. The simplest explanation for bats closely approaching turbines may be that they are seeking places to roost in what they perceive as trees while migrating.”

Man kann das Ergebnis so zusammenfassen: Fledermäuse halten WKA für freistehende Bäume, was während mehrerer Millionen Jahre Futter, Schutz und Nistmöglichkeiten bedeutete. Sie steuern die Anlagen bewusst an, weil sie diese für besonders gute Orte halten. Bei den vom Menschen erbauten Baumartefakten lauert für sie nicht erkennbar der Tod.

Wir haben in Groß-Ellershausen, Hetjershausen und der Feldmark einen erfreulich hohen Bestand an Fledermäusen. Viele sehen die Tiere täglich zu Beginn der Dämmerung im Garten, andere kennen sie von der abendlichen Joggingtour auf der ehemaligen Trasse der Dransfeldbahn. Wir spüren ihnen seit kurzem mit einem BAT-Detektor nach. So hört sich eine Fledermausfamilie mit 3 Tieren in einem Garten an:

Das Göttinger Tageblatt berichtete über ein Forschungsprojekt der Uni Hannover zum Fledermaussterben an Windkraftanlagen, welches unter Naturschützern für Aufruhr sorgt. Die Analyse legt den Schluss nahe, dass Zehntausende der fliegenden Säugetiere hierzulande jedes Jahr an den Flügeln der modernen Windmühlen sterben. Allein die 84 untersuchten Anlagen töteten in dem dreimonatigen Untersuchungszeitraum rund 750 Tiere. Ende 2012 standen in Deutschland rund 23 000 Windkraftanlagen. Die Gesellschaft zur Erhaltung der Eulen fordert nun, die „tödlichsten“ Anlagen zu benennen und ihren Betrieb einzuschränken.
Göttinger Tageblatt vom 17.8.2013

Das GT hat die Fledermausnacht am Freitag, den 16.8.2013 angekündigt:

Wissenswertes über Lebensweise und Ökologie von Fledermäusen vermittelt die Biologische Schutzgemeinschaft während einer naturkundlichen Exkursion am Göttinger Kiessee. Der Termin für die Fledermausnacht ist am Freitag, 16. August. Unter fachkundiger Leitung erfahren die Teilnehmer alles über die heimischen Arten am Kiessee, der den Tieren als Jagdgebiet und Siedlungsraum dient. Die etwa dreistündige Exkursion startet um 19 Uhr. Treffpunkt ist der Bootsanleger am Sandweg. Informationen gibt es auch im Internet unter biologische-schutzgemeinschaft.de. (Göttinger Tageblatt, 14.8.2013)

Alle, die sich für den Erhalt der Fledermauspopulationen einsetzen möchten, sollten dabei. Denn auch die Fledermäuse müssen vor dem Windradwahnsinn geschützt werden.

Wir sehen im Sommer Fledermäuse in großer Anzahl in der Dämmerung durch die Gärten fliegen. Sie fliegen dabei sehr schnell und bewegen sich hakenschlagend zwischen Bäumen und Hausecken. Wir sehen lediglich ihre Schatten in der Luft während sie bei der Insektenjagd sind. Einige von ihnen ziehen wie die Zugvögel im Winter in den Süden, andere überwintern an geschützten Holräumen wie alten Kaminen, Bäumen, Kirchtürmen oder im Dachstuhl von Häusern. Als Höhlenbewohner teilen sie sich dabei das Habitat mit den Spechten, die bei uns ja ebenfalls als Bunt- und Grünspecht unterwegs sind. Die Fledermausbestände sind in den vergangenen Jahrzehnten bereits um rund 90% zurückgegangen. Die Tiere benötigen dringend Schutz und unsere aktive Hilfe, um sie vor der Ausrottung zu bewahren. Alle Fledermausarten sind in Deutschland gesetzlich streng geschützt. Aktuelle Gutachten (2012) zeigen die Gefährdung dieser Tiere durch WEA auf. Durch den Luftdruckabfall der Rotoren platzen die Lungenbläschen, so dass sie sterben, selbst wenn sie gar nicht direkt vom Rotorblatt getroffen werden. Von den auf dem Kerstlingröderfeld durchgeführten Untersuchungen wissen wir, dass in Göttingen folgende Arten unterwegs sind:  Zwergfledermäus, kleine Bartfledermaus, Rauhhautfledermaus, Braunes Langohr, kleine Abendsegler und großes Mausohr. Wir werden uns mit sogenannten Batdetektoren ausrüsten um im kommenden Sommer die in Groß-Ellershausen und Hetjershausen vorkommenden Arten zu bestimmen. Die Tiere stoßen hochfrequente Töne aus, anhand derer sie sich orientieren. Wir können diese für unser Ohr nicht wahrnehmbaren Geräusche erfassen und den jeweiligen Gattungen zuordnen. Wir sehen im Sommer Fledermäuse in großer Anzahl in der Dämmerung in den Gärten fliegen. Es gibt neue Gutachten (2012) über die Gefährdung dieser Tiere durch WEA. Durch den Luftdruckabfall platzen die Lungenbläschen. Es wird darauf hingewiesen, dass Deutschland wegen der nur hier hohen Population besondere Verantwortung hat. Gefährdet sind insbesondere der große Abendsegler, kleine Abendsegler, Rauhhautfledermäuse, Zwergfledermäuse. Zur Identifizierung der Fledermäuse werden wir uns mit Batdetektoren ausrüsten. 

Eine Vorstellung vom Ausmaß der Problematik von Fledermausverlusten an Windenergieanlagen in Deutschland vermitteln die Daten aus der zentralen Fundkartei der Staatlichen Vogelschutzwarte im Landesamt für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg. Dabei muss man bei den Zahlen berücksichtigen, dass die Kadaver in wenigen Minuten gefressen werden und die Zahlen somit nur die Spitze des Eisbergs zeigen.

Fledermausverluste an Windenergieanlagen in Deutschland
Daten aus der   zentralen Fundkartei der Staatlichen Vogelschutzwarte 
im Landesamt für   Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg
Stand: 18. Dezember 2012, Tobias Dürr -   E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!
                               
                               
Art Bundesländer, Deutschland ges.
                         
BB BW BY HB HE MV NI NW RP SH SN ST TH
Nyctalus noctula Großer Abendsegler 384 1 2 3   8 79 4   5 101 35 17 639
N. leislerii Kleiner Abendsegler 18 17         5 4 5   7 14 13 83
Eptesicus serotinus Breitflügelfledermaus 10 2 1       10 2   1 11 2 1 40
E. nilssonii Nordfledermaus     1               2     3
Vespertilio murinus Zweifarbfledermaus 32 5 3   1   8       16 4 8 77
Myotis myotis Großes Mausohr                     1 1   2
M. dasycneme Teichfledermaus             2     1       3
M. daubentonii Wasserfledermaus 1         1       1   1   4
M. brandtii Große Bartfledermaus                       1   1
M. mystacinus Kleine Bartfledermaus   2                       2
M. brandtii/mystacinus Bartfledermaus spec.     1                     1
Pipistrellus pipistrellus Zwergfledermaus 81 127 3     2 48 26 12 7 38 7 23 374
P. nathusii Rauhautfledermaus 194 8 8   1 2 51 1 5 9 76 42 47 444
P. pygmaeus Mückenfledermaus 25 2                 3 9 2 41
Pipistrellus spec. Pipistrellus spec. 11 4       1 2   1 1   1   21
Hypsugo savii Alpenfledermaus                       1   1
Barbastella barbastellus Mopsfledermaus             1             1
Plecotus austriacus Graues Langohr 5                   1     6
Plecotus auritus Braunes Langohr 2         1           1 1 5
Chiroptera spec. Fledermaus spec. 6 5 5       8   2   4 3 11 44
gesamt: 769 173 24 3 2 15 214 37 25 25 260 122 123 1792
BB = Brandenburg, BW =   Baden-Württemberg, BY = Bayern, HB = Hansestadt Bremen, HE = Hessen, MV =   Mecklenburg-Vorpommern, NI = Niedersachsen, NW = Nordrhein-Westfalen, RP =   Rheinland-Pfalz, SH = Schleswig-Holstein, SN = Sachsen, ST = Sachsen-Anhalt,   TH = Thüringen